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für den 21.10.2019

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Hesekiel 34,2

Aufsätze / Artikel

Wie viel Förderung braucht mein Kind

„Überforderte Eltern – Wie viel Förderung braucht mein Kind?“
Eltern und Kinder zwischen Fördern und Fordern / Beratungsstelle der Evangelischen Kirche in Bonn und der Region informiert

Max hat einen leichten Tinnitus, Lea schläft neuerdings ganz schlecht. Die Eltern der beiden Jugendlichen suchen Rat bei Claudia Schmidt-Weigert. Die Diplom-Pädagogin und Gestalttherapeutin von der Evangelischen Beratungsstelle kennt sogar Kinder mit Burn-Out. Die Eltern wissen oft nicht, was die Ursache ist. Doch Symptome wie diese weisen oft darauf hin, dass Kinder einem erhöhten Leistungsdruck ausgesetzt sind. In der Schule, manchmal schon im Kindergartenalter. Im Beratungsgespräch wird eines schnell klar: Leistungsdruck überfordert und verunsichert Kinder wie Eltern. Ihre Zukunftsangst wächst.
„Wenn mein Kind im ersten Schuljahr nicht so mitkommt, sind seine Berufschancen mit 18 gleich null“, berichtete eine besorgte Mutter dem Diplom-Psychologen Thomas Lindner. Ein Vater befürchtet, „wenn mein Sohn nicht zu den Besten gehört, hat er im Wettbewerb keine Chance“. Auch Beratungsstellen-Leiter Thomas Dobbek kennt die Angst der Eltern, „dass ihr Kind im globalen Leistungskampf nicht mehr mitkommt, wenn es nicht so früh wie möglich fit gemacht wird“. Förderprogramme wie Fremdsprachen schon im Kindergartenalter oder Chemiekurse für die Kleinsten haben Konjunktur.
Doch Zuviel und zu frühes Fördern berge die Gefahr für das Kind, nur noch in sogenannten „Lernmaschinen“ zu funktionieren, mit den entsprechenden Folgen, so Schmidt-Weigert. Sie betont, dass die Bindung des Kindes an die Eltern oder auch an Erzieherinnen und Lehrerinnen „der Nährboden für Bildung“ ist. Nur auf der Basis von Begegnung und Beziehung könne kindgemäße Förderung geschehen. „Und dafür braucht es gemeinsame Zeit, damit Beziehung sich entwickeln kann“, so Thomas Lindner. „Wenn Kinder sich sicher gebunden fühlen, kommen die Impulse, die Welt zu entdecken, die sogenannte intrinsische Motivation, von selbst.“ Freies Spiel fördere die Neugier und Neugier sei die Basis für Kreativität und Lernen im Gegensatz zu Üben und Stundenplänen. Sogenanntes „Turbolernen“ oder zu frühes Hineinstopfen von Lerninhalten führe in der Regel zu einer Minderung der Lernmotivation. Hier nennt der Therapeut auch das Stichwort „Lernbulimie“. Kinder- wie Hirnforscher bestätigten, dass wachsende Förderwut die genuine Neugier, die entwicklungsspezifischen Bedürfnisse und die Selbstbestimmung des Kindes missachte.
Für Eltern ist es schwierig, sich heute dem allgemeinen Leistungsdruck zu entziehen. „Es ist heutzutage kaum möglich, diesen nicht in irgendeiner Form an die Kinder weiterzugeben“, so Dobbek. Deshalb setzt das Team der Beratungsstelle vor allem auf Prävention. „Schon die Bemühung von Eltern, ihre Kinder nicht im Lernen zu ersticken, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, selbstständig und in der freien Natur Dinge zu entdecken, sind nicht hoch genug zu werten“, unterstreicht Lindner. „Weniger Stress ist mehr und führt zur Freude am Entdecken.“ Es sei allemal besser, Leistung entstehen zu lassen, als Leistung einzufordern. „Die Begeisterung der Eltern über das Wachsen und die Fortschritte ihrer Kinder sind wertvoll und förderlich“, betont Schmidt-Weigert. Für die Diplom-Pädagogin ist schon viel gewonnen, wenn Eltern das erkennen, ebenso wie den Druck und die Not, die ihre Kinder erleben.

 

25.01.2011



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