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Losung

für den 12.07.2020

Du, Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle heute schämen.

Daniel 9,7

Interview mit dem Leiter der Evangelischen Beratungsstelle, Diplom-Psychologe Thomas Dobbek

Corona - Gewalt in der Familie wird leider deutlicher

Die Kontaktbeschränkungen pferchen Familien enger zusammen. Das erhöht die Gefahr von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Das beklagt der Leiter der Evangelischen Beratungsstelle, Diplom-Psychologe Thomas Dobbek. Im Gespräch mit Anna Neumann, Öffentlichkeitsreferentin des Ev. Kirchenkreis an Sieg und Rhein, berichtet er auch über die Wege, der Gewaltspirale zu entkommen.

Thomas Dobbek, Dipl.-Psychologe, Leiter der Ev. Beratungsstelle Bonn Thomas Dobbek, Dipl.-Psychologe, Leiter der Ev. Beratungsstelle Bonn

Corona hat den Beratungsbedarf von Menschen mittelbar erhöht. Worum geht’s?

Es ist wie bei anderen, z.B. gesellschaftlichen, Problemen: Corona bringt Beratungsbedarf deutlicher zutage. In der Beratungsarbeit wird derzeit vor allem Gewalt in der Familie noch einmal deutlicher. Denn im Lockdown sind Familien noch enger zusammen, ohne die Möglichkeit, einander auszuweichen. Gewalt in der Familie hat viele Facetten. Im Zuge der Pandemie sind u.a. zwei Kampagnen entstanden, auf die an dieser Stelle hingewiesen werden sollte. Da wäre zum einen die Initiative „Kein Kind alleine lassen“ des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Derzeit sind Kinder tendenziell besonders gefährdet, sexualisierter und häuslicher Gewalt schutzlos ausgeliefert zu sein. Außerdem startete der Weisse Ring kürzlich die Kampagne „Schweigen macht schutzlos“, die sich an Frauen richtet, die Opfer von Gewalt durch den Partner werden. Dies ist die häufigste Form häuslicher Gewalt, und zwar körperliche Gewalt – angedroht und auch vollzogen. Das Zuhause, für uns insbesondere in der Zeit von Corona ein Ort der Geborgenheit und des Schutzes, wird in diesen Fällen Tatort von Gewaltverbrechen.  

Kann Beratung das stoppen?

Wenn sich die Betroffenen melden, kann man alles erreichen. Manche Strukturen sind so hartnäckig, dass wir machtlos sind, aber – Gott sei Dank – in den meisten Fällen ist das möglich.

Wie das?

Der erste Schritt ist, den Frauen einen Platz im Frauenhaus zu besorgen. Sind Kinder mitbetroffen, kümmern wir uns darum, dass sie in Obhut kommen. In der psychologischen Beratung der Frau geht es dann darum zu erfahren, ähnlich einer Psychotherapie, was der Frau zugestoßen ist.

Wie gehen Sie vor?

Wir schauen auf das innere Kind. Damit sind die Gefühle und Erfahrungen gemeint, die seit der Kindheit präsent sind. Glaubenssätze, die wir in der Kindheit unbewusst gespeichert haben und heute vielleicht gar nicht mehr wissen, wo diese genau herkommen. Dazu muss man wissen, dass die betroffenen Frauen leider oft schon von Kindsbeinen an Gewalt erlitten haben und sich später unbewusst wieder für gewalttätige Partner entscheiden.

Oft gehört – trotzdem klingt es paradox.

Stellen Sie es sich vor wie einen Orangensaft mit einem bitteren Kraut, das Kind kennt ihn nicht anders. Schon vorsprachlich nimmt ein Kind alles auf, seismografisch. Die Mama wird geschlagen, das Kochgeschirr vom Herd geschleudert. Wegen der Würgemale am Hals trägt die Mutter ein Halstuch. Der Geschmack von Orangensaft ist bitter, anders hat es ihn nie kennengelernt. Weil das Kind nicht in Worte fassen kann, was es miterlebt, ist die Gefahr groß, dass es das verdrängt und später wiederholt.

Und wie verhelfen Sie Betroffenen dazu, den Geschmack von Orangensaft pur zu entdecken?

Auf das innere Kind zu schauen, meine ich wörtlich. Klientinnen bitten wir, zum Beispiel ein Kinderfoto oder ein Kuscheltier von sich mitzubringen. Das hilft ihnen, sich selbst als Kind neu kennen zu lernen. Schritt für Schritt erhält dann auch das Verdrängte ein Gesicht, vor allem das Emotionale. So gelingt die Distanzierung. Letztlich kann die Betroffene dann sich selbst beschützen.

Wie es in der Bibel heißt: Liebe dich selbst …

Ja, darum geht es auch: sich selbst endlich liebenswert zu finden.

Kümmern Sie sich auch um gewalttätige Männer?

Wir schicken sie zu spezialisierten Kolleginnen und Kollegen. Die Arbeit mit (männlichen) Tätern und die Klärung, woher ihre Gewalttätigkeit kommt, sind wichtig. Sie müssen lernen, auf Stress nicht mehr mit Gewalt zu reagieren, sondern mit Nachdenken und Geduld.

Frauen sind nicht nur auf der Opferseite zu finden.

In der Tat: Es gibt auch aggressive Frauen. Meist ist es eine latente Aggressivität, eine verbale, seltener körperliche Gewalt. Man könnte sagen, das potentiell gesellschaftlich häufigere Bild wäre: Für Männer steht der Boxhandschuh, für Frauen der spitze Dolch unterm Gewand. Die Zahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache. Jedoch ist zu betonen, dass es durchaus auch gewalttätige Mütter und Frauen gibt. Insbesondere der Alltag während Corona kann ein Nährboden für wachsende und nicht mehr zu kontrollierende Wut oder Frustration sein. Beispielsweise dann, wenn sich eine berufstätige Mutter im Home Office befindet und in das Rollenbild fällt, zusätzlich Haushalt und Kinderbetreuung stemmen zu müssen. Erst recht, wenn die Mutter alleinerziehend ist.

Sie haben in der Beratungsarbeit aber auch Klientinnen und Klienten, die Corona direkt belastet. Inwiefern?

Dabei handelt es sich um Menschen, die Verwandte haben, die schwerwiegend erkrankt oder sogar gestorben sind. Vor allem die Bilder aus Italien werfen diese Klientinnen und Klienten schwer zurück. Ihnen kommt alles wieder hoch: wie sie auf der Intensivstation um das Leben ihres Mannes oder Kindes bangten. Die emotionale Belastung kehrt zurück. Sie sagen: Ich kann das Piepsen der Geräte nicht mehr ertragen. Das heißt, ihre Ängste, Sorgen oder auch ihre Trauer ploppen wieder auf. Wir alle haben ja eine Art Safe, in dem wir Schweres und Schwieriges aufbewahren. Und dann springt plötzlich die Tür auf. In der Beratung helfen wir den Klientinnen und Klienten dabei, aus dem Bann herauszukommen.

 

23.06.2020



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